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Posts Tagged ‘Living-History’

Ein paar Grundgedanken zu meinem neuen Projekt eines hochmittelalterlichen Überkleids habe ich ja schon vorgestellt, allerdings ohne ein Bild. Leider habe ich keine entsprechende Abbildung im Netz gefunden und das Bild aus dem Katalog einzuscannnen und hier einzustellen, ist mir zu heikel. Dafür sind zu viele abmahnwütige Anwälte unterwegs.

Abzeichnen ist allerdings erlaubt und das habe ich dann auch getan.

Frauenbekleidung 12. Jahrhundert

Unter dem weiten Überkleid sind deutlich ein knöchellanges, gemustertes Oberkleid und ein bodenlanges Unterkleid erkennbar.

Das Bild der Gloria zeigt sehr schön den bereits skizzierten Aufbau der Frauenbekleidung im 12. Jahrhundert, hier mit Unterkleid, Ober- und Überkleid. Was auffällt, sind nicht nur die verschiedenen Schnitte: weites Überkleid, eng anliegendes Oberkleid und weites Unterkleid (erkennbar am reichen Faltenwurf), sondern auch die verschiedenen Stoffe. Das Überkleid hat trotz seiner Fülle nur wenige, weiche Falten, während das Unterkleid viele kleine Falten wirft. Dagegen wirkt das Oberkleid beinahe steif. Es liegt daher nahe, für das Überkleid einen feinen, weichen Wollstoff anzunehmen, für das Oberkleid eine feste Seide und für das Unterkleid ein sehr feines Leinen, wenn nicht ebenfalls Seide.

Dass derartige Kleidung für die „Durchschnittsfrau“ im 12. Jahrhundert so unerschwinglich war, wie ein Couture-Kostüm heute, versteht sich von allein. In dieser Kombination ist das eindeutig Kleidung des (Hoch-)Adels.
Inwieweit eine ähnliche Kombination auch im „einfachen Volk“ getragen wurde, lässt sich nur schwer beantworten. Dafür spricht das Zwiebelprinzip, d. h. dass mehrere Lagen Stoff besser wärmen. Andererseits sind auf allen mir bekannten Abbildungen „einfacher Frauen“ maximal 2 Kleider und eventuell noch ein darüber getragener Mantel erkennbar, was eher dafür spricht, dass es sich bei diesen Überkleidern um einen recht jungen Modetrend handelt, der sich erst in der Form des Gardecorps auch allgemein durchsetzt.

Zum Glück muss ich die Frage nicht entscheiden, da mein Überkleid ja der Darstellung einer Adeligen dienen soll.

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Da ich gerade mal wieder in einer Diskussionsrunde das Thema hatte: Mittelalterliche Kleidung für Kinder herzustellen ist nicht aufwändiger, als modernen Kram zu nähen. Die Sachen sind auch nicht weniger haltbar und schon gar nicht unbequemer. Meine beiden wollen nach einer Veranstaltung oft gar nicht aus den Mittelaltersachen raus. Selbst in puncto Wetterfestigkeit sind die Mittelalterklamotten den neuzeitlichen oft gleichwertig, wenn nicht sogar überlegen. Ein Wollumhang und eine Wolltunika halten Regen nicht nur länger ab, sie wärmen im nassen Zustand auch besser, als moderne Sachen aus Baumwolle. Der einzige Grund, sie nicht dauernd zu tragen besteht wirklich darin, dass sie heutzutage vollkommen out of fashion sind. Ein Junge im „Kleid“ und mit „angestrapsten Strümpfen“ wirkt heute nun mal ziemlich strange.

Auch die Kosten sind kein Argument gegen eine historische Klamotte. Zwar brauchen Kinder regelmäßig neue Kleidung – egal, ob historisch oder modern – aber gerade hochmittelalterliche Kleidung bleibt problemlos mehrere Jahre tragbar. Meinem Älteren habe ich 2010 zur Hochzeit einer Freundin ein neues Outfit genäht, das er auch heute noch tragen kann. Lediglich die Ärmel sind ein bisschen zu eng geworden und müssten durch einen Einsatz erweitert werden und wenn er noch ein Stück wächst, wird auch die Länge langsam peinlich. Aber ich habe ja noch einen, der es auftragen kann. Dem passt seine Klamotte (für die gleiche Hochzeit angefertigt) übrigens auch noch. Da ich für den Großen inzwischen was Neues genäht habe, ist jetzt eine Garnitur in Reserve, die beiden passt. Bei moderner Kleidung ist sowas ausgeschlossen. Da sind die beiden außerdem inzwischen mindestens zwei Kleidergrößen gewachsen …
Dazu kommt noch, dass sich Kindersachen meist problemlos aus irgendwelchen Resten zusammenstückeln lassen. Die Brouch, an der ich im Moment nähe, war in einem anderen Leben mal ein Leinenlaken. Ich habe aber auch schon Wolltuniken aufgetrennt und mit anderen Wollresten zu neuen Kleidungsstücken zusammengesetzt. Das das früher durchaus gängige Praxis war, wird durch zahlreiche Textilienreste belegt.

Eine Aufnahme von 2010. Auch diese Tunika wird heute noch getragen.

Eine Aufnahme von 2010. Auch diese Tunika wird heute noch getragen.

Daher spricht wirklich überhaupt nichts dagegen, Kinder historisch einzukleiden. Zumal sie in historischer Kleidung absolut schnuffig aussehen!

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Die Cotte ist überwiegend zusammengenäht. Dieses Mal habe ich, beginnend bei den Ärmeln sofort versäubert, d. h. so bald der Faden zuende war, die Naht umgeklappt und mit Überwendlingsstichen befestigt. Diese Methode bremst zwar das reine Nähtempo (sonst wäre ich damit längst durch), hat aber den riesigen Vorteil, dass ich mich nicht mit Engstellen abquälen muss, sondern immer ein ausreichend großes Loch hat, um den Stoff bequem fassen zu können.

Jetzt fehlen nur noch die Geren in den Reitschlitzen, die Armabschlüsse an den Handgelenken und der Ausschnitt. Ich hatte gehofft, damit im Laufe des Wochenendes fertig zu werden, aber offenbar schaffe ich es nicht, ein Kleidungsstück pannenfrei zusammenzusetzen: Dieses Mal betrifft es den Reitschlitz. Gleich die erste Gere ist von der falschen Seite her angenäht, so dass der noch zu versäubernde Stoffstreifen außen läge. Also alles wieder auftrennen …
Dabei erweist sich einmal mehr, dass es wirklich nur eine Legende ist, mit Vorstich genähte Nähte hielten nicht, bzw. man müsse nur an einem Ende ziehen, dann käme der Faden herausgeflutscht. Nix da. Das mag bei Seide funktionieren. Aber bei mit Leinengarn genähter Wolle muss man jeden Stich einzeln aufdröseln. Und um den Stoff nicht zu sehr zu strapazieren, empfiehlt es sich, den Faden alle zehn bis fünfzehn Stiche abzuschneiden. Spaß macht das gerade nicht.

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Die größte Hürde ist überwunden: Der Stoff ist zugeschnitten. Auch wenn es vielleicht seltsam klingt, aber das ist wirklich das, was ich beim Nähen von Mittelalterklamotten ganz schrecklich finde – den Zuschnitt. Nicht weil die Schnitte kompliziert sind, das sind sie wirklich nicht. Aber so eine schöne Stoffbahn vor mir zu haben, in der tausend Möglichkeiten schlummern und die in gewisser Weise perfekt ist und dann die Schere anzusetzen, auf die Gefahr hin Mist zu bauen und diese schöne und in gewisser Weise perfekte Stoffbahn in etwas zu verwandeln, das sich höchstens noch als Putzlumpen verwenden lässt … Da gruselt es mich jedes Mal.

Aber für dieses Mal ist es geschafft, nichts ist schief gegangen. Gut!

Cotte 1 - der Schnitt

So sieht der Schnitt aus – jedenfalls die eine Hälfte. Natürlich fehlen hier ein Arm und das Rückenteil.

Gebaut ist das Ganze (wie fast immer) nach dem Standartschnitt nach Purrucker, d. h. Vorder- und Rückenteil bestehen jeweils aus einer geraden Stoffbahn, die seitlich durch Keile (Geren) erweitert wird. Auf die gleiche Weise werden auch die Ärmel konstruiert. Um den Zug am Ärmelansatz zu minimieren wird in die Achsel ein Zwickel eingesetzt. Von der hier bereits vorgestellten Leinentunika unterscheidet sich die Cotte nur dadurch, dass sie „Reitschlitze“ bekommen wird, d. h. in Vorder- und Rücktenteil werden mittig jeweils zwei weitere Geren eingesetzt, die jedoch nicht zusammengenäht werden. Bei normaler Bewegung fallen diese Schlitze kaum auf. Sie ermöglichen es dem Träger jedoch, rittlings auf einem Pferd (oder auch einem großen Ast Platz zu nehmen), ohne dass die Beine unsittlich entblößt werden. Gleichzeitig ist es der (mehr oder weniger dezente) Hinweis, dass man reich genug ist, sich ein Pferd leisten zu können.  Das hat den gleichen Snob-Appeal, wie Kinderkleidung von Burberry oder Ralph Lauren heute. Aber da wir diese Saison fast ausschließlich adelig unterwegs sein werden, wird das auch gebraucht.

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Angezogen sieht das Ganze im Moment stark nach Gospel-Chor aus. Und die Beulen im Rücken stören gewaltig. Fast fertig

Aber als ich das Kleid heute vor dem Spiegel versuchsweise an den Seiten gerafft habe, waren sie plötzlich weg. Ein wirklich verblüffender Effekt. Und die Taille macht sich gut. Selbst bei meiner Figur. Jetzt überlege ich natürlich, entgegen dem ursprünglichen Plan doch eine seitliche Schnürung anzubringen.

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Wie schon im letzten Post geschrieben, braucht Sohn neue Oberbekleidung für die nächste Saison. Wie man das Teil nun auch nennt – die Terminologie ist reichlich uneinheitlich. Man könnte es auch als Tunika bezeichnen. Im Mittelalter hätte man vermutlich rôc oder wât dazu gesagt.
Den Stoff habe ich schon: Ein roter, wunderbar weicher, leichter Wollköper von Naturtuche. Gewaschen ist er inzwischen auch. Der Zuschnitt der Cotte muss aber noch einen oder zwei Tage warten, weil ich in der Wartezeit doch noch begonnen habe, „schnell mal eben“ einen Streifen oranger Seide an die Ärmel meines Zofenkleids anzustückeln. Aber wenn das erledigt ist …

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Beinahe fertig. Der Ausschnitt jedenfalls ist es und wenn der Rocksaum umgenäht ist, könnte ich es sogar schon tragen.Fast fertig

Allerdings sind die Ärmel nur provisorisch eingesetzt und die Seiten nur mit einer Naht geschlossen. Auch sonst gefällt mir noch so einiges nicht:

  1. Die Fältelung am Ausschnitt trägt zu stark auf und der Aussschnitt läuft auch nicht richtig spitz zu. Deshalb verzieht sich der Besatzstreifen. Um den glatt zu bekommen werde ich ihn besticken oder Borten aufsetzen müssen. Borten aufzusetzen, hatte ich ohnehin vor, allerdings sind die noch in Arbeit. Daher wäre es auch eine Überlegung, erst den Besatz zu besticken und dann die Borten in den doch recht tiefen Ausschnitt zu setzen.
  2. Die Ärmel beuteln noch zu stark im Rücken und sitzen außerdem zu weit außen. Daher muss ich in der Schulter wohl noch ein Stück wegnehmen.
  3. Wenn ich die Ärmel wie oben skizziert neu ansetze, werden sie ein Stück zu kurz sein. Am Handgelenk muss also noch ein Streifen Stoff angesetzt werden. Falls das nicht reichen sollte, werde ich im Bereich des Oberarms anstückeln.

Da lässt sich also noch eine ganze Menge machen. Allerdings werde ich vorläufig nur die Punkte 2 und 3 in Angriff nehmen, weil sich gerade ganz andere Dinge in den Vordergrund drängen: Sohn 1 braucht dringend eine neue Cotte! Die Alte geht zwar von der Länge her gerade noch (von der Breite sowieso), aber er hat die Ärmel gesprengt. Da kann ich auch gleich neu nähen und die Alte auf Sohn 2 umarbeiten (der aber auch lieber etwas Neues hätte).

Die nächsten Einträge werden sich daher voraussichtlich mit dem Nähen und Ändern von Wollcotten beschäftigen.

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