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Posts Tagged ‘Früchte’

Obwohl mein Paradies gerade mal fünf Gehminuten von der Wohnung entfernt liegt, bin ich viel zu selten dort. Wie es sich für ein echtes Paradies gehört, ist der Weg dorthin schmal und gewunden und schwer zu finden. Er endet vor einer hohen Tür. Sie ist natürlich verschlossen. Eine dicke Kette windet sich wie eine große, rostrote Schlange gleich mehrfach durch beide Flügel. Man bräuchte eine Flex, um sie zu knacken. Aber ein findiger Mensch hat statt dessen den Maschendraht der Torfüllung aufgeschnitten und sorgsam eingerollt, so dass nun nur noch Brombeerranken den Eingang bewachen.
Schiebt man sie beiseite, ist man in einer anderen Welt, denn hinter dem Tor beginnt ein Wald. Kein gewöhnlicher Wald, sondern einer aus Brombeergestrüpp, Weiden, Obstbäumen und Holundersträuchern. Das hier war vielleicht mal eine Streuobstwiese, aber jetzt ist es eine Wildnis. Eine Schlange gibt es hier nicht, nur Kaninchen und Eidechsen auf den Lichtungen, die man erst im Weghuschen sieht. Vogelgesang hängt in der Luft. Es riecht nach Harz und feuchtem Laub. Ein schmaler Pfad windet sich unter den Bäumen hindurch. Ihm zu folgen ist nicht leicht, denn die Bäume sind alt und struppig, voller Spechtlöcher und Käuzchenhöhlen. In ihren Ästen hängen verkrüppelte saure Äpfel, winzige Hauszwetschgen, mehligsüße Mirabellen und Kirschen, die kaum mehr sind, als der Kern. Im Moment gibt es vor allem Brombeeren.

Wegen der Brombeeren war ich heute dort. Sie sind nicht leicht zu pflücken, denn die Hecken sind so groß wie Wälle und die reifen Beeren hängen ganz oben. Ärgerlich ist außerdem, dass Brombeeren oft zusammen mit Brennesseln wachsen. Sie machen sehr deutlich klar, dass es eine außerordentlich dumme Idee ist, auf feste Schuhe zu verzichten, nur weil gerade Sommer ist. Naja, andererseits habe ich etwas für die Durchblutung und gegen Gicht getan.
Die Brombeeren sind die paar Stiche wert. Sie sind riesig, zum Platzen prall und so süß, wie es sich für Paradiesfrüchte gehört. Ein Kilo habe ich gesammelt. Sie stehen jetzt, gut gezuckert, im Kühlschrank und warten darauf, morgen mit Zimt und Sternanis eingekocht zu werden.

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