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Nestelschnüre

Zwei Dinge kann eine Frau selbst im Mittelalter nicht genug besitzen: Taschen und Bänder. Bänder für die Haare, als Verzierung, zum Schnüren von Kleidung – oder Taschen. Gerade habe ich wieder ein paar gezwirbelt (fingergeloopt oder fingerschlaufengeflochten klingt so plump).

Hübsch und schnell gemacht

Hübsch und schnell gemacht

Die hier sind aus Nähseide mit je sechs Schlaufen (drei auf jeder Seite). Damit habe ich jetzt wieder ein paar schöne Haarbänder für meine Zofe.

Kinderbrouch

Sie ist fertig und ich habe ganz vergessen, sie zu zeigen. Sowas! Also bitte:

Kinderbrouch nach Vorlage der “Bischofshose”

Das eingesetzte Quadrat sorgt für Bewegungsfreiheit

Das eingesetzte Quadrat sorgt für Bewegungsfreiheit

 

 

 

 

 

 

 

 

Bruchenband

Detailaufnahme des Brouchenbands

Der Gürtel bzw. das Brouchenband ist übrigens meine dritte Webarbeit mit Brettchen und langsam entwickelt sich das Verständnis dafür, warum manche Dinge funktionieren und manche nicht. Zum Beispiel, warum man nicht zu lange in eine Richtung weben sollte oder welche Strukturen sich beim Weben entwickeln. Aber darüber schreibe ich, wenn ich etwas mehr Erfahrung gewonnen habe.

Brouch und Webbrett

Auch wenn ich lange nichts mehr geschrieben habe, war ich nicht ganz untätig, sondern habe meinem Jüngsten eine neue Brouch genäht. Als Vorlage für den Schnitt musste mal wieder die des afrikanischen Bischofs herhalten – wobei ich inzwischen gelernt habe, dass im Kaukasus, genau gesagt: in Moscevaja Balka, eine ganz ähnliche Hose ausgegraben wurde, die ins Frühmittelalter datiert wird. Ich will daraus jetzt keine Kontinuität herleiten, aber offensichtlich ist man zu verschiedenen Zeiten und an sehr verschiedenen Orten ungefähr auf die gleiche Lösung gekommen. Damit hat dieser Schnitt in meinen Augen aber mindestens die gleiche Berechtigung, wie die Rekonstruktionsvorschläge von Thursfield und Purrucker.

Für Kinder muss der Schnitt allerdings angepasst werden, weil sonst aufgrund der unterschiedlichen Proportionen eine Hüfthose herauskommt, die keiner Bildvorlage entspricht. Deshalb wird oberhalb der Beine nochmal ein Stoffstreifen angenäht.

Kinderbrouch aus Leinen

Kinderbrouch aus Leinen

Jetzt brauche ich (bzw. braucht die Brouch) noch einen Gürtel. Also eine neue Gelegenheit, brettchenweben zu üben. Da ich keinen passenden Webstuhl habe und nirgends etwas, um die Kette festzubinden, habe ich kurzerhand ein Webbrett aus einem übrig gebliebenen Regalboden improvisiert. Weitere Materialien: eine Klemme, ein Duschvorhang-Ring, ein Gummiband, etwas Paket-Klebeband und etwas Paketschnur.

Webbrett_

Das entbehrt zwar jeder historischen Vorlage, weshalb ich es auch nur zuhause verwenden kann. Aber es ging schnell. Die Kette aufzuziehen hat länger gedauert.

 

Ein Freund wies mich auf einen schönen Beitrag der Universität Prag zum Thema “dunkles Mittelalter” hin. Zu sehen auf youtube:

Der einzige Haken: Der Film ist englisch. Was die Frage aufwirft, warum deutsche Historiker sowas nicht können? Oder deutsche Fernsehanstalten?

Da ich gerade mal wieder in einer Diskussionsrunde das Thema hatte: Mittelalterliche Kleidung für Kinder herzustellen ist nicht aufwändiger, als modernen Kram zu nähen. Die Sachen sind auch nicht weniger haltbar und schon gar nicht unbequemer. Meine beiden wollen nach einer Veranstaltung oft gar nicht aus den Mittelaltersachen raus. Selbst in puncto Wetterfestigkeit sind die Mittelalterklamotten den neuzeitlichen oft gleichwertig, wenn nicht sogar überlegen. Ein Wollumhang und eine Wolltunika halten Regen nicht nur länger ab, sie wärmen im nassen Zustand auch besser, als moderne Sachen aus Baumwolle. Der einzige Grund, sie nicht dauernd zu tragen besteht wirklich darin, dass sie heutzutage vollkommen out of fashion sind. Ein Junge im “Kleid” und mit “angestrapsten Strümpfen” wirkt heute nun mal ziemlich strange.

Auch die Kosten sind kein Argument gegen eine historische Klamotte. Zwar brauchen Kinder regelmäßig neue Kleidung – egal, ob historisch oder modern – aber gerade hochmittelalterliche Kleidung bleibt problemlos mehrere Jahre tragbar. Meinem Älteren habe ich 2010 zur Hochzeit einer Freundin ein neues Outfit genäht, das er auch heute noch tragen kann. Lediglich die Ärmel sind ein bisschen zu eng geworden und müssten durch einen Einsatz erweitert werden und wenn er noch ein Stück wächst, wird auch die Länge langsam peinlich. Aber ich habe ja noch einen, der es auftragen kann. Dem passt seine Klamotte (für die gleiche Hochzeit angefertigt) übrigens auch noch. Da ich für den Großen inzwischen was Neues genäht habe, ist jetzt eine Garnitur in Reserve, die beiden passt. Bei moderner Kleidung ist sowas ausgeschlossen. Da sind die beiden außerdem inzwischen mindestens zwei Kleidergrößen gewachsen …
Dazu kommt noch, dass sich Kindersachen meist problemlos aus irgendwelchen Resten zusammenstückeln lassen. Die Brouch, an der ich im Moment nähe, war in einem anderen Leben mal ein Leinenlaken. Ich habe aber auch schon Wolltuniken aufgetrennt und mit anderen Wollresten zu neuen Kleidungsstücken zusammengesetzt. Das das früher durchaus gängige Praxis war, wird durch zahlreiche Textilienreste belegt.

Eine Aufnahme von 2010. Auch diese Tunika wird heute noch getragen.

Eine Aufnahme von 2010. Auch diese Tunika wird heute noch getragen.

Daher spricht wirklich überhaupt nichts dagegen, Kinder historisch einzukleiden. Zumal sie in historischer Kleidung absolut schnuffig aussehen!

Projekt: Kindercotte

Die Cotte für meinen Großen ist termingerecht zu Pfingsten fertig geworden. Das Ergebnis sieht aus, wie das Kleidungsstück, das der Mann mit dem Speer trägt. Nur in rot.

Moralia in Job

Miniatur aus einer französischen Buchmalerei

Sitzt phantastisch und der Große sieht wirklich toll darin aus. Das einzige Manko ist, dass der Reitschlitz vorne sehr leicht aufklafft. Was mit einer durchgehend geschnittenen Tunika drunter natürlich ein bisschen doof aussieht. Da muss ich noch mal nacharbeiten. Aber sonst …

Leider bin ich nicht dazu gekommen, Fotos zu machen. Aber vielleicht bekomme ich ihn ja die Tage noch zum Posieren.

Die Cotte ist überwiegend zusammengenäht. Dieses Mal habe ich, beginnend bei den Ärmeln sofort versäubert, d. h. so bald der Faden zuende war, die Naht umgeklappt und mit Überwendlingsstichen befestigt. Diese Methode bremst zwar das reine Nähtempo (sonst wäre ich damit längst durch), hat aber den riesigen Vorteil, dass ich mich nicht mit Engstellen abquälen muss, sondern immer ein ausreichend großes Loch hat, um den Stoff bequem fassen zu können.

Jetzt fehlen nur noch die Geren in den Reitschlitzen, die Armabschlüsse an den Handgelenken und der Ausschnitt. Ich hatte gehofft, damit im Laufe des Wochenendes fertig zu werden, aber offenbar schaffe ich es nicht, ein Kleidungsstück pannenfrei zusammenzusetzen: Dieses Mal betrifft es den Reitschlitz. Gleich die erste Gere ist von der falschen Seite her angenäht, so dass der noch zu versäubernde Stoffstreifen außen läge. Also alles wieder auftrennen …
Dabei erweist sich einmal mehr, dass es wirklich nur eine Legende ist, mit Vorstich genähte Nähte hielten nicht, bzw. man müsse nur an einem Ende ziehen, dann käme der Faden herausgeflutscht. Nix da. Das mag bei Seide funktionieren. Aber bei mit Leinengarn genähter Wolle muss man jeden Stich einzeln aufdröseln. Und um den Stoff nicht zu sehr zu strapazieren, empfiehlt es sich, den Faden alle zehn bis fünfzehn Stiche abzuschneiden. Spaß macht das gerade nicht.

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